Strauss-Stupenda und Queen Mum des Lieds: Die wunderbar wissende Sopranistin Felicity Lott ist gestorben

Chronik eines angekündigten Diventodes: Vor wenigen Tagen gab die so gefeierte wie geliebte, natürlich längst verrentete, aber institutionell von der Wigmore Hall bis zur Societé Poulenc noch bestens vernetzte wie geschätzte britischen Sopranistin Felicity Lott bekannt, dass sie Krebs im Endstadium habe. Sie hatte vor einiger Zeit ihre nicht mehr benötigten Konzertroben für eine Benefiz-Auktion zugunsten eines Sterbehospitzes gespendet, jetzt sitze sie selbst darin, sagte sie mit ihrem typisch englisch-ambivalenten Humor. Eben eine Dame – bis zum bitteren, abrupten Schluss. Am 8. Mai ist die zärtlich von ihren vielen Bewunderern nur„Flott“ Genannte 79 Jahre alt geworden, am 15. Mai ist sie nun sehr schnell gestorben. Als English Rose. 

Ja, sie war wie eine Blume, die zauberisch sang. Erst unauffällig knospte, dann sich herrlich entfalte, wunderbar duftete und langanhaltend blühte. Außerdem einen ganz speziellen, von ihren frankophilen Vorlieben genährten wie geadelten „Je ne sais quoi“-Charme versprühte. Ein wenig altmodisch, aber auch auf seltsam hintersinnige, ja sogar offen frivole Art sexy. Wie das eben nur distinguierte Britinnen verstehen.  

Mochte Dame Felicity (geadelt wurde sie selbst 1996) nicht so berühmt sein wie etwa Cecilia Bartoli  – war ein Flott-Liederabend angekündigt, leuchteten den Kennern die Augen. Immer war da eine Repertoire-Entdeckung zu machen. Immer war es geschmack- und geistvoll, doppeldeutig, mitunter auch sehr komisch. Die Lott amüsierte sich gern (so heißt auch eine ihrer Platten). Sie war bodenständig und süß verhuscht, immer mit diesem abgründigen Lachen, das schon eine Deborah Kerr (der sie durchaus ähnlich sah) nicht ganz geheuerlich erscheinen ließ. 

Dabei wurde die 1947 in Cheltenham geborene Felicity Lott zunächst als Französischlehrerin ausgebildet. „Französisch ist immer meine Lieblingssprache“, schwärmte sie. Kein Wunder, denn Paris, wo sie nicht zuletzt gemeinsam mit dem Dirigenten Marc Minkowski und dem Regisseur Laurent Pelly 2000 mit „La belle Hélène“ und 2004 mit „La Grande-Duchesse de Gérolstein“ – als männermordende Militärmegäre grimmig-kautzig Maggie Smiths Dowager Dutchess vorwegnehmend –, zwei wundervoll legendäre, zum Glück auf CD wie DVD festgehaltene Offenbach-Erfolge feierte, lag ihr schon früh zu Füßen.  

Und auch ein Carlos Kleiber wusste, warum er sie für sein allerletzten „Rosenkavaliere“ in Wien und Japan als Marschallin engagierte. Felicity Lott vermochte eine der schönsten aller Diven-Rollen des Repertoires zu nuancierten, wie sonst vielleicht nur noch Elisabeth Schwarzkopf, mit kleinerer Stimme, aber ohne deren kalkulierte Manieriertheit. Sie war eine durchaus tragödienverliebte, dabei resolut patente Marschallin, die ihren großen „Zeit“-Monolog als Arioso in Gänsefüßchen präsentierte.  

So zufällig sie dann doch zum Gesang wechselte, so langsam kam Felicity Lott seit Mitte der Siebzigerjahre durch die Londoner Uraufführung von Hans Werner Henzes  „We come to theriver“ und ihre Auftritte beim Glyndebourne Festival als Pamina oder Strawinskys Anne Truelove (in der bis heute dort als Inkunabel bewahrten David-Hockney-Produktion des „Rake’s Progress“) zu nationalem wie internationalem Ruhm. Zwar war die Lott kein koloraturglucksendes Temperamentsbündel, doch hatte bei ihr jede Geste, jeder Blick Liebenswürdigkeit, atmete jeder Ton eine bewusst anklingende Seelenschwingung, die innerhalb eines strikt begrenzten Spektrums umso größere Effekte erzeugte. Felicity Lott war eine magische Meisterin der Miniatur. 

Ein wenig Oh, la la, eine Prise würdevolle Laszivität und eine paar Meter Frou-Frou meinte man immer zu spüren und rascheln zu hören, wenn Felicity Lott einen ihrer unnachahmlichen, hintersinnig humorigen Liederabende gab. Die spätberufene Sopranistin, die es zum Glück nicht auf ihrem Posten als Französisch-Lehrerin gehalten hatte, erfreute uns weltweit nicht nur mit hoheitsvollem Mozart à la Figaro-Duchessa oder akkurat amourös schwächelnder Fiordiligi. Sie, die in Stimme wie Erscheinung stets graziös Elegante, war besonders auch als „Capriccio“-Gräfin und zänkisch-schnurrige Christine im ewig unterschätzten „Intermezzo“ als Strauss-Interpretin eine die Opernbühne nobilitierende Sopranistin mit der Text-Akkuratesse einer Kammerschauspielerin.  

Sie war Monteverdis Poppea und Händels Cleopatra, alles Damen, die alles offenbaren und doch stets das Regime führen. Sie hatte die Verletzlichkeit von Brittens Ellen Orford in „Peter Grimes“, die sinistre Abgründigkeit seiner Gouvernante in „The Turn oft he Screw“ und – noch eine Helena – den juvenilen Überschwang für „A Midsummmer Night’s Dream“.  Sie rührte als Gustave Charpentiers Louise und hatte Rasse als schließlich mit schweigenden Lippen gurrende Lehár-polyglotte Hanna Glawari in „La Veuve joseuse“ wie „The Merry Widow“. 

Zudem war Felicity Lott auch eine äußerst berufene Botschafterin der Mélodie und des Chansons. Und so schien sie wie geschaffen für den stargespickten Telefonhörer von Poulenc/Cocteaus Monodrama „La voix humaine“. Unter der dirigentisch diskreten Mithilfe von Armin Jordan und dem Orchestre de la Suisse Romande durchläuft sie bei Harmonia Mundi alle Höhen und Tiefen einer per Telecom von ihrem Liebhaber verlassenen Frau – ohne freilich gänzlich die Contenance zu verlieren. 

Als ältliche Ehefrau, die sich nachts im Doppelbett in ein sonniges Griechenland voller knackiger Griechen träumt, war La Flott die schönste aller schönen Helenen mit viel Brimborium im Klimakterium. Die – vor trojanischen Hausfreunden wird gewarnt – unter Minkowskis wissendem Dirigentenarm Offenbachs Antike-Parodie als pariserisch-hellenistische Maskerade bitzelnd prickeln und schwerelos moussieren ließ. Und ihre teutonische Kleinstaat-Großfürstin, die aussah wie eine galauniformierte Mischung aus Gisela Schlüter und der silvesterlichen Miss Sophie, lief schließlich als Suffragette im George-Sand-Look koloraturgluckernd in den arrangierten Ehehafen ein. 

Wer seine Lott leichtgewichtig, aber auf deutsch erleben wollte, war mit einer weiteren Folge der bei Forlane gut laufenden Reihe F. L. „s’àmuse…“gut bedient. Von Graham Johnson wunderfein begleitet, gibt es hier die schimmernden Perlen ihres Éncore-Repertoires von Oscar Straus und Franz Lehár zu hören. Humperdincks „Abendsegen“ singt sie sogar mit sich selbst im Duett (sonst gerne auch mit der ihr nicht unähnlichen, aber biederen Ann Murray). Wie sagt der sparsame Engländer? Two Flotts for the Price of one.  

Sie hatte halt dieses silbrige Dauerlächeln in der Stimme, einen Touch von Old-England-Grandeur. Sie wusste freilich jede Arie wie ein Chanson servieren und sehr komisch ihre Dauerentschuldigung „fatalité“ als Macht des Operettenschicksals herausposaunen. Sie konnte schließlich alle Hemmungen fallen lassen, wenn es nach Kerl roch. Da mischte sie trocken schlanke Linie, süffige Grazie und sanft perlende Nonchalance.  

Mag das britische Wetter wechselhaft sein, die Queen Mum des englischen Liedgesangs heiterte zuverlässig auf. Unerschöpflich schien ihr Vorrat an englischen, französischen und deutschen Vokalkunststücken, den sie gemeinsam mit Graham Johnson am Klavier umgrub und beackerte. Und stets stieg La Flott im Zugabenteil aus Konzertliedhöhen in vermeintliche Music-Hall-Niederungen. Bei Gershwin und Porter war sie genauso stimmbequem mit immergrünem Sopran zu Hause wie bei Schubert, Berlioz oder Delius.  

Länger schon war sie verstummt, auch das gekonnt mit Abschieds-Belezza inszeniert. Jetzt ist Felicity Lott tot. Aber ihre Stimme wird ewig weiterscheinen, lächeln und verzaubern. 

 

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