
Eigentlich scheint der holländische Regisseur Michiel Dijkema eher ein Mann für die Potsdamer Winteroper zu sein. Denn nicht nur packt er bei fast 30 Grad seine eine Pastorale aufführenden Musiker als Schafsherde in entsprechende Felle. Auch die Sänger müssen mit Wollzotteln und Überhängen durch die Orangerie Friedrich Wilhelms IV. toben. Doch das tun sie gern und sehr vergnüglich, zumal es in der Königlichen Pflanzenhalle, die im Winter die empfindlichen Topfgewächse aus den Schlossgärten aufnimmt, unerwartet angenehm temperiert ist. Man schwitzt nicht, man freut sich nur – auch über den herrlichen Abend der draußen von der goldenen Dämmerung zur lichtblauen Nacht wird und solches auch in die Musiktheaterstimmung innen übertragt.
Somit ist Dijkema – in Personalunion auch für Bühne und Licht verantwortlich – eben doch die richtige Wahl für die Sommeroper bei den Musikfestspielen Potsdam. Die wegen Aufzugeinbau im Neuen Palais (und somit ebenfalls im Schlosstheater) auch diese Saison wieder im Ersatzquartier Orangerie gastieren muss. Anders als 2025 kommt diesmal aber das Produktionsteam ganz wunderbar mit der sehr speziellen Spielstätte klar, ja, ihre Herausforderungen scheinen alle sogar beflügelt zu haben. Zudem wird mit dem 1702 bei Giovanni Bononcini von der musenaffinen Kurfürstin und späteren ersten preußischen Königin Sophie Charlotte (der Großmutter Friedrichs II.) bestellen arkadischen Einakter „Cefalo e Procride“ eine weitere Lücke der Berliner Barocktheater-Musikgeschichte geschlossen. Und eine lohnende, wie man hören und sehen konnte.

Michiel Dijkema zieht zwar die Spielfläche gefährlich in die, was bisweilen etwas auf Kosten der Präzison und Verständlichkeit beim Singen geht, dafür gewinnt er so spannungsvolle Raumwirkungen in der Konstellation der nur wenigen handelnden Personen. Anders als viele antik-mythologische Liebespaar haben sich Cephalus und Procris nicht wirklich im Gedächtnis verankert; wohl auch weil Procris mit diversen anderen Männern in Verbindung gebracht worden. Dabei ist ihr Schicksal in dieser kleinen, aber doch zweistündigen Oper insofern interessant, als die Böse im Spiel die Göttin der Morgenröte, Aurora, ist, die man eigentlich doch für eine gute Göttin hielt. Aber die Liebe hat die griechischen Divinitäten schon immer ganz menschlich austicken lassen.
Aurora also liebt den Jäger Cephalus und hat ihn eingesperrt, Procris, ebenfalls der Jagd zugetan, sucht ihn. Es kommt zu Treueproben und Verwirrungen, an denen auch noch Sonnengott Titone als ehemaliger Liebhaber Auroras und die Waldnymphe Atenice beteiligt sind. Mit einem göttlichen, immer treffenden Pfeil erlegt Cephalus versehentlich Procis, die er für ein wildes Tier gehalten hat. Titone rettet die Sterbende und macht aus beiden Halbgötter– sehr zum Verdruss der weiter Böses sinnenden Aurora.

Der weitgereiste, in Modena geborene in Bologna, Rom, Wien (wo er auch gestorben ist), Berlin, London (als Rivale in Händels Operntruppe), Paris, Madrid und Lissabon wirkende Bononcini hat eine gefällig-innige Partitur geschrieben, die ergänzt vor allem um ein paar Instrumentalnummern, ganz hinreißend flüssig von der superben Akademie für Alte Musik Berlin unter Bernhard Forcks alerter Leitung gespielt wird. Sie alle hocken in einem quadratischen Würfel ohne Deckel, der von Rollrasen eingerahmt ist. Links und rechts von dieser Mittelinsel stehen Grünpflanzen, in denen auch die fein spielenden Oboen und Blockflöten sitzen, wenn sie nicht über die Szene hüpfen. Über ihnen steht eine Leiter auf deren Spitze Anfangs Cefalo in seinem Kugelkäfig sitzt und jammert, während auf halber Höhe auf beiden Seiten (das Publikum sitzt vor und hinter der Spielfläche) in breiten, von Lüstern umflackerten Goldrahmen die Übertitel laufen, bisweilen auch kleine Schafbildchen erscheinen.
Julia Reindell hat die Mitwirkenden in fantasievolle Kostüme gekleidet. Die machtvoll tönende Aurora von Chloë Morgan erscheint in Goldlamée mit entsprechender Frisur, die verhuschte Procride von Jiayu Jin (mit zirpendem Sopran) trägt ein nudes Hirtinnengewand. Der tolle Countertenor Yuriy Mynenko, der als Cefalo endlich einmal einen Liebhaber und nicht immer nur den Intriganten spielen darf, glänzt als lottriger Landsknecht mit emphatischen wie heldischen Tönen. Jonathan Eyers ist ein beweglich schlanker Bass als Titone, der unter dem Fell sein silbrigen Astraloverall offenbart. De jägerinnengrün ausstaffierte, zupackend intonierende Anita Rosati gibt der Nymphe Atenice wie dem Windgeist Zeffiro (im ätherischen Duett mit Morgan) ziselierte Vokalkontur.

„Meine Gattin, meine Göttin! Mein Mann, mein Mörder!“ So endet, wie das ganze Libretto etwas überspitzt in deutsche Übertitel gezwängt, gerade noch einmal glücklich. Wir sidn schließlich in der Barockoper. Michiel Dijkema lässt immer auch den Raum wirken, wenn er die kleine Spielecke in der Mitte verlässt, sein Personal, bis an die Saalenden auf isoloerte Grasinseln jagt, die fast wie eine Gassenbühne wirkenden ionischen Säulen in Gold, Göttlichblau oder Eifersuchtrot erstrahlen lässt. So wird diese 320 Jahre alte Pastorale als unterhaltsames, freilich auch über Größe wie Zerstörungskraft der Gefühle nachdenklich stimmendes, durchaus ambivalentes Divertissement für einen herrlichen Sommerabend ideal wiederbelebt. Und bringt auch das Motto „Licht“, der diesjährigen, noch bis zum 28. Juni laufenden Musikfestspiele Potsdam zum Leuchten.
