Mogul der Metropolitan Opera und #MeToo: Im Alter von 77 Jahren ist James Levine als gefallene Größe von Gestern gestorben

James Levine ist tot. Vor sechs Jahren wäre da noch die Klassikwelt stillgestanden. Denn Dirigenten werden ja angeblich immer uralt. Und der dicke, lockige Jungstar aus Cincinnati der in vier Jahrzehnten zum Mogul der Metropolitan Opera herangereift war, galt damals, obwohl auch schon gesundheitlich schwer angeschlagen, immer noch als „America’s Top Maestro“. Keiner hatte dort, im Land ohne wirkliche klassische Musik-DNA, so lange an einem Posten ausgehalten und sich so viel Macht erspielt, erstanden, aber auch zäh erhäufelt. An der Met dirigierte Levine mehr als 2500 Aufführungen von 85 Opern. Keiner kam an ihm vorbei.

Und wie ein Sonnenkönig hatte der zentrale Mann am Grabenschaltpult des wirkungsmächtigsten Musiktheaters weltweit auch seine Mätressenwirtschaft der besonderen Art gepflegt. Das wussten viele, gesagt, geschrieben hat es keiner. Schon gar nicht die ihm eng verbundene „New York Times“, die bis heute manchmal wie der verlängerte Met-Pressearm wirkt. Und dann brachen doch Anfang Dezember 2017 die Dämme. Der schwer parkinson- und zuckerkranke, nur noch im Rollstuhl bewegliche James Levine hatte noch am Nachmittag – Ironie des Schicksals – eine letzte Vorstellung des Verdi-Requiems dirigiert, das dem unlängst verstorbenen russischen Starbariton Dmitri Hvorostovsky gewidmet worden war. Es sollte seine eigene Totenmesse als Dirigent sein. 46 Jahre nach seinem Met- Debüt. Nie wieder ward er seither in der Öffentlichkeit gesehen, weder am Pult noch als Privatmann.

In ihrer Ausgabe vom 2. Dezember hatte die „New York Post“ berichtet, dass die Polizei von Illinois seit 2016 gegen Levine wegen des Verdachts des Missbrauchs eines damals 15-jährigen Jungen ermittelt. Natürlich griffen alle Medien weltweit die Geschichte sofort auf. Außerdem hatte das Opernhaus am Abend eine Erklärung veröffentlicht, dass man davon gewusst habe, aber bisher nicht weiter vorgegangen sei. Man nehme jetzt intern Ermittlungen auf – mit auswärtiger Hilfe.

Auch wenn es in der Folge nie zu einer Gerichtsverhandlung kommen sollte, der Übermaestro war vom etwas wächsern gewordenen Pultgott zur peinlichen, ja erbärmlich verachtenswerten Person geworden. Mit Harvey Weinstein und Kevin Spacey stand James Levine plötzlich da als Urmodell des weißen, machtvollen, deshalb schamlos sexuell übergriffigen Mannes – als Hasssymbol der #MeToo-Bewegung. Kaum sind einem Klanggeneralissimus so schnell sämtliche Schulterklappen der eben noch globalen Anerkennung abgerissen worden.

Die Met setzte sofort die Zusammenarbeit mit Levine aus. Im März 2018 erklärte das Opernhaus sie für beendet. Ohne Details über die Untersuchungsergebnisse, für die 70 Personen befragt wurden, bekanntzugeben, erklärte die Met, die Untersuchung habe glaubwürdige Hinweise ergeben auf sexuell missbräuchliches und belästigendes Verhalten Levines gegenüber verletzbaren Künstlern in frühen Karrierephasen, die unter seiner Autorität standen. Schmutzige Details und weitere Enthüllungen von mindestens neun männlichen Musikern waren vorher in den Medien ruchbar geworden.

Drei Tage nach seiner Entlassung reichte Levine beim Obersten Gericht des Staats New York Klage gegen die Met wegen Vertragsbruchs und Rufschädigung ein. Er forderte 5,8 Millionen Dollar Schadensersatz und die Wiederherstellung von „Namen, Ruf und Karriere“. Er bestritt „klar und unmissverständlich jegliches Fehlverhalten“; Intendant Peter Gelb habe ihn loswerden wollen. Die Met wies diesen Vorwurf umgehend zurück. 2019 kam es trotzdem zu einer millionenschweren außergerichtlichen Einigung, denn sein Vertrag sah einfach eine Kündigungsklausel aus moralischen Gründen gar nicht erst vor.

Nicht nur die gern systematisch wegschauende Welt der Klassik steht seither Corona-still. Paradoxerweise sah und hörte man vom historischen Levine, der sich eigentlich schon seit 2011 nur noch an seinen Posten geklammert hatte, für das Haus in jeder Hinsicht zur Belastung geworden war und den rechten Abgangszeitpunkt auf der Höhe seines noch schattenlosen Ruhms verpasst hatte, seither viel mehr denn je. Denn die virusbedingt dunkel geworden Met streamt allabendlich kostenlos eine Vorstellung aus ihrem riesigen Videoarchiv.  

Und sehr oft saß da der Jimmy, der zum Dirigentenregenbogen ging, im Graben, mal jung, mal mittelalt, mal schwerfällig und behindert. Und ob man wollte oder nicht, man konnte noch mal viele Stunden über dieses Phänomen nachsinnen. Denn unbefleckt von jeder Missbrauchsbeschmutzung leuchte da ein so vielseitiges wie flexibles Dirigiertalent – als Meister der schönen, polierten Oberfläche. Dieser Universalist konnte Mozart und Wagner, Verdi und Berlioz, Berg und Strawinsky, Puccini und Offenbach. Wunderbar tönte sein inzwischen nach einem Jahr ohne Bezahlung in der Covid-Auflösung begriffenes Orchester (für das sein gepriesener Nachfolger Yannick Nézet-Séguin in Worten wie Taten nur wenige Finger krumm macht), souverän hatte er die ewig glamouröse, von ihm auf Händen getragene Sängerschar im Griff.

Aber nie ergreift dieses Musizieren. Es säuselt und gleißt, strömt und attackiert, ist elegant und alert, aber es klingt immer nach dem Mainstream des Schönen, Guten, dabei nicht unbedingt Wahren. Es fehlt das Grelle und das Zwielicht, das Dunkle, das Abgründige, der Schmerz, die Gewalt, die Lust, der Trieb, die Extreme – alles, was den privaten James Levine offenbar auch ausmachte, aber das er an seinem Pult nicht wirklich auslebte.

Es gibt kein richtiges Sterben, keinen idealen Zeitpunkt. James Levine, obwohl erst 77 Jahre alt, in den Achtziger- und Neinzigerjahren zugleich Opernkönig, -kaiser und -papst der schönen Welt in New York, Salzburg und Bayreuth, der nur noch den uralten Karajan über sich hatte, der modisch immerhin das Handtuch über dem ewigen Polohemd probensalonfähig machte, (von Christian Thielemann gern nachgeahmt), er wäre vor sechs Jahren noch besungen und bis vor drei Jahren zumindest noch bejubelt worden. Jetzt nimmt man seinen Tod irgendwie betreten zur Kenntnis. Während Nachruhm sonst erst einige Jahre nach dem Ableben abkühlt, ist es um James Levine schon jetzt lange vorher sehr still und dunkel geworden.

Obwohl der 74-Jährige ausgerechnet einen Monat vor seinem tiefen Fall noch in Berlin Ovationen und Jubelkritiken bekommen hatte, als er erstmals auf Einladung von Daniel Barenboim die Staatskapelle in Gustav Mahlers 3. Sinfonie dirigierte. So schnell kann es gehen, und hurtig war James Levin schon immer.

Levine, der sich lange mit einer Oboistin die Wohnung teilte und von seinem Bruder im Alltag betreut wurde, erlebte einen kometenhaften Aufstieg an der Metropolitan Opera, wo er das Orchester auf ungeahntes Niveau hob. Wie kein anderer verkörperte er über vier Jahrzehnte diese amerikanische Hochkulturinstitution. Levines Manager war der 2015 verstorbene Ronald A. Wilford, Chef der mächtigen, inzwischen durch Corona insolventen Agentur CAMI, an dem alle schon früher immer wieder erhobenen Vorwürfe gegen dessen angeblichen sexuellen Eskapaden abprallten. Gerüchte, der Dirigent habe sich mit Minderjährigen eingelassen, wurden angeblich immer im Keim erstickt, es seien womöglich Millionen Dollar an Schweigegeldern gezahlt worden.

Und dabei war der von Kindheit auf von seiner Mum auf eine Klassikkarriere getrimmte gelockte Klaviervirtuose aus Ohio doch einmal so ein Sonnenscheinchen gewesen. 1953 feierte er mit dem Cincinnati Orchestra sein Debüt als Dirigent. Sein erweitertes Handwerk lernte er bei der Klavierpädagogin Rosina Lhévinne und an der Juilliard School in New York. George Szell holte ihm zum Cleveland Orchestra, wo er von 1965 bis 1972 auch am Cleveland Institute of Music lehrte. Aus dieser Zeit und bis 1999 reichen besonders viel  Vorwürfe mehrerer Männer. Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis das Schlagwort #MeToo um die Welt ging.

Zum 25. Jubiläum seiner ersten Met-Aufführung feierte ihn das Opernhaus mit einer Fernsehgala – es sagten so viele Sänger zu, dass Levine acht Stunden dirigierte. Von 1999 bis 2004 war er zudem ein erstaunlich blasser Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Am Ende ging sogar das Boston Symphony Orchestra, wo Levine von 2004 bis 2011 als ebenfalls die Erwartungen nicht mehr erfüllender Musikdirektor fade gewaltet hatte, auf Distanz.

Noch im Januar wollte der gerne seine alten Männerfreundschaften pflegende Alexander Pereira James Levine beim Maggio Musicale in Florenz mit Mozart-Konzerten und Berlioz‘ „La damnation de Faust“ rehabilitieren. Auch das hat Corona verhindert. Wie sein Arzt heute bestätigte, ist James Levine bereits am 9. März in Palm Springs gestorben. „Die Metropolitan Oper ehrt das Andenken an ihn“, hieß es von seinem ehemaligen Arbeitgeber.

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Ein Kommentar bei „Mogul der Metropolitan Opera und #MeToo: Im Alter von 77 Jahren ist James Levine als gefallene Größe von Gestern gestorben“

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