„The Last Ship“ – das Sting-Musical hat als deutsche Erstaufführung in Koblenz am Rhein einen gelungenen Stapellauf

Fotos: Matthias Baus

Koblenz – immer nur durchgefahren. Nie ausgestiegen. Deutsches Eck, Rheinprovinz der Preußen mit der monströsen Festung Ehrenbreitstein sowie der eleganten neogotischen Burg Stolzenfels als Inbegriff der Rheinromantik, wiedererbaut vom späteren Friedrich Wilhelm IV. nach Schinkel-Plänen mit Lenné-Park. Schmuck das alles, obwohl im Weltkrieg ziemlich zerstört. Stehengeblieben ist freilich auch eines der ältesten deutschen Theater. 1787 wurde es im Auftrag des Trierer Kurfürsten und Erzbischofs Clemens Wenzeslaus von Sachsen (die Trierer waren lieber am Thein als an der Mosel) durch Peter Joseph Krahe und Johann Andreas Gärtner als Komödien- und Ballhaus eröffnet. Oftmals umgebaut wurde es in den Achtzigern wieder in weißfeinem Klassizismus restauriert.

Dabei stellte man die alten Abmessungen des Foyers wieder her und rekonstruierte die ursprüngliche Ausmalung im Zuschauerraum, auch die Fassade erhielt ihre originale Farbfassung zurück. Der einzige erhaltene klassizistische Theaterbau am Mittelrhein und das früheste erhaltene Beispiel eines Rangtheaters in Deutschland fehlte noch in meiner Sammlung. Rustika und Pilaster verbinden sich im Zuschauerraum harmonisch mit der dreigeschossigen Ranganordnung samt kurfürstliche Loge; abgeschlossen und flankiert wird er von Logen und einem kannelierten Doppelsäulenpaar. Über der Bühne befindet sich ein architravartiger Abschluss mit der lateinischen Inschrift „Ridendo Corrigo Mores“ („Durch Lachen verbessere ich die Sitten“). Die flache Saaldecke täuscht über dem Kronleuchter durch illusionistische Malerei und perspektivisch verzerrte Kassetten eine Kuppel vor.

Was in dem 500-Plätze-Haus also sehen? Was passt? Zum Glück laufen gerade – sinnigerweise um den 70. Geburtstag herum – Vorstellungen von „The Last Ship“, dem einzigen Musical von Gordon Summer, besser bekannt als Sting. Das kam 2014 in New York und Jahre später mit etwas verändertem Libretto in England heraus, wollte eher Kunst als Massenunterhaltung sein. Und war mit seinem düsteren, ein wenig autobiographisch eingefärbten Thema einer von tapferen Arbeitern nicht zu verhindernden Werftenschließung in England ein ziemlich schweres Musical-Thema und höchstens ein Achtungserfolg. Deshalb wohl gaben die Rechteinhaber die Deutsche Erstaufführung nach Stralsund, was durch die Pandemie verzögert wurde. So kam das am Fluss gelegene Koblenz zu unerwarteter Ehre.

Mit seinen Möglichkeiten kann das kleine Theater bei dieser Workingclass-Singsaga gerade durch seine Intimität und Ehrlichkeit punkten. Zwischen ein paar grauen Seiten- und Zwischenwänden führen wenige Stufen zu einer LED-Wand über die den ganzen, dreistündigen Abend über atmosphärisch dichte, dokumentarische Filmschnippsel vom Schiffsbauen, Taufen, Bestreiken und Kämpfen laufen, wie wir sie aus englischen Filmen kennen. Aber auch Seestücke in Öl gibt es als ironische Brechung der Historie zu sehen.

Da dockt das Publikum sofort an, und die pralle Inszenierung von Intendant Markus Dietze gleitet schwebendleicht vom Stapel. Gemütlich dümpelt der Vergnügungsdampfer mit Trauerflor dahin, es menschelt dabei gewaltig. Eine verflossene Liebe wird wiederbelebt, eine bisher unbekannte Tochter kommt der Hauptheld Gideon näher; auch gleich noch mit jüngeren Doubles. Einer der Helden stirbt an Krebs, seine Frau kämpft weiter. Und am Ende bauen die Arbeiter ihr letztes Schiff zusammen und lassen es stolz und als einziges ohrwurmumtost in den Fluss Tyne fahren.

Wenigstens der moralische Trumpf ist den kleinen Leuten in diesem herb melodischen Märchen sicher, wenn sie schon gegen die bösen, von einer Art Maggie-Thatcher-Megäre als Abgesandte aus dem Wirtschaftsministerium angeführten bösen Kapitalisten nicht gewinnen können. Das ist konventionell und überraschungslos routiniert fabriziert, aber schön und professionell gebaut.

Und auch die Koblenzer können mit ihren Mitteln darin nur punkten, wenn Sting in Herkunfts-Nostalgie schwelgt, und sein Alter Ego am Ende auf dem Schiff „Utopia“ ganz real das Steuer dreht. Da wird kraftvoll ehrlich und authentisch gespielt, die Rollen sind mehr Typen denn Individuen, gut geölt von der emphatisch spielenden, bisweilen etwas zu lauten Band, die Stings theaterpraktikable Songs (fast alle neu, nicht aus der alten Juke-Box) leuchten lässt. Man spricht Deutsch und singt Englisch, und so ist „The Last Ship“ im Theater Koblenz eine rundum gelungene Musical-Kreuzfahrt am Rhein samt Apotheose als Kirchenfenster. Aber um einiges echter als die geschmacksneutralen Pauschaltouren, die jetzt ebenfalls wieder auf den Weltmeeren anlaufen.

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