Auf der Scholle Inka-Land: Verdis rare Galeerenoper „Alzira“ kommt in Lüttich gut raus

Fotos: J. Berger / ORW

„Proprio brutto“ – „wirklich hässlich“. Wenn das Verdikt des Urhebers schon so fies lautet, wie soll dann erst die Nachwelt über dieses Kunstprodukt urteilen? Dabei war Giuseppe Verdis achte Oper „Alzira“, die erste von zweien, die er am berühmten Teatro San Carlo in Neapel herausbrachte, 1845 gar kein echter Misserfolg. Aber viel gespielt wurde der nur eineinhalb Stunden Musikzeit kurze, in Peru spielende Zweiakter mit Prolog und sogar sechs Minuten langer, von völlig exotismusfrei tänzerischen Flöten- wie Klarinetten-Girlanden durchwebter Ouvertüre bald kaum mehr.

Heute gehört dieses typische Selbstfindungswerk der „Galeerenjahre“ des ehrgeizig wirkungsbewussten Komponisten zu seinen unbekanntesten – höchstens noch übertroffen von seinem Erstling „Oberto“ und der „Stiffelio“-Zweitfassung „Aroldo“.

Ein Grund mehr für die raritätensüchtige, gern verlorene Belcanto-Bonbons des 19. Jahrhunderts neu präsentierende Opéra Royale de Wallonie in Liège. Und gerade der selten gespielte Verdi, er war eine der Stärken der Intendanz des verstorbenen Intendanten Stefano Mazzonis di Pralafera. Dessen ebenfalls italienischer Nachfolger Stefano Pace setzt jetzt zumindest die Corona-bedingten Verschiebungen noch um: nach dem seit zwei Jahren auf diese Premiere wartenden „Alzira“ ist zum Ende der Spielzeit noch „I Lombardi alla prima crociata“ angekündigt; deren französische Grand-Opéra-Zweitfassung Jérusalem“ war hier bereits 2017 zu sehen.

Auch wenn es krude, kurz und knapp zugeht, es ist in dieser auf eine Voltaire-Tragödie zurückgehenden „Alzira“ viel echter Verdi drin, das Adrenalin brodelt, die Gemüter wüten – in der Liebe wie im Hass. Alles ist Schwarz oder Weiß, das deuten in Lüttich auch die Bühnenfarben, besonders die Kostümierung der Titelheldin an. Die Inkaprinzessin Alzira liebt im Lima des 16. Konquistadoren-Jahrhunderts ihren kriegerischen Landsmann Zamoro. Der wiederum hat dem alten spanischen Gouverneur Alvaro das Leben gerettet, wofür ihn dessen brutal hasserfüller Sohn Gusmano fürs erste laufen lässt. Doch dafür muss sie ihn heiraten, denn seine christliche Liebe sei doch viel edler als die des Inka-Wilden…

Die konvertierte Alzira, meist steif als Objekt herumgeschoben, trägt erst Novizinnenweiß, dann, Zamoro ist weg, spanisches Witwenschwarz samt Mantilla. Schließlich wieder eine strahlende Brautrobe wie eine Rüstung. Blutig werden nur ihre Hände. Denn Zamoro, auch ein wilder Wüter, sticht Gusmano während der Hochzeit ab. Der aber verzeiht, wir sind eben in der Oper, das Paar wird vereint und die Inkas besingen ihr Andenglück.

Für Differenzierung ist in „Alzira“ also kein Platz. Der atemlose Verdi (sein Librettist Salvatore Cammarano, der noch drei weitere Textbücher, darunter „Il trovatore“ für Verdi verfasste, hetzt ebenso) treibt unerbittlich das Schicksal mit machtvollen Tuttischlägen, patriotischen Hymnen und Crescendi voran. Nur im ersten Finale (von allen Kommentatoren am meisten gelobt), da wird es schön melodisch, bleibt die Opernzeit wiegend stehen, hängt ein Sextett seinen melancholischen Gedanken nach – so wie es sich Cammarano schon 10 Jahre vorher am gleichen Ort für Donizettis „Lucia di Lammermoor“ erdacht hat.

Dem Lauten wie dem Leisen wird Giampaolo Bisanti, der neue Musikdirektor von Liège, bei seiner Antrittspremiere mehr als gerecht. Das hat Zug und Finesse, Bisanti diszipliniert, lässt der Partitur aber auch ihre agogischen Freiheiten. Es brodelt und glüht im Kessel, es zärtelt und vibriert aber auch feinsinnig getragen. Gut ausbalanciert werden die Sing- wie Klangkollektives des Hauses geführt.

Alzira ist die etwas essigspitze, auch mit bisweilen harter Attacke singende Sopranistin Francesca Dotto, doch insgesamt kommt sie mit der vokal komplexen Rolle zurecht, die einst Eugenia Tadolini kreierte, wie auch Donizettis erste Linda di Chamounix und Maria di Rohan. Gusmano mit seinen bisweilen erstaunlich weichen Melodien ist bei dem trockenen Bariton Giovanni Meoni gut aufgehoben. Gellend singt hingegen immer wieder Zamoro als Action Man aus den Bergen: Luciano Ganci hat dafür in seinen immerhin zwei Arien die sichere Höhe und laute Tenorstandfestigkeit. Sehr ordentlich die Nebenrollen.

Regisseur Jean Pierre Gamarra gibt sich in seiner schon on Lima und Bilbao gezeigten Produktion keine Mühe, das eindimensional zielgeführte Geschehen zu übertünchen. Er holt es aber konsequent aus seinem pittoresken Charakter. Mäntel und Alpaka-Mützchen deuten ein düsteres Peru an, die Frauen verwandeln sich auf offener Szene rasch in Spanierinnen, die Männer ebenso mit Hüten und steifen Kragen. Das langt als Lokalkolorit. Meist pflanzt sich die Masse auf engem Podestplatz auf.

Struppiges Gras soll da die Scholle manifestieren, um die in einem von halbhohen Kettenvorhängen umgebenen, von 25 auf- wie niederschwebenden Leuchtstoffröhren bestrahlten Raum gerungen wird. Im ersten Finale schwebt darauf allein Alzira wie eine Trophäe auf halber Höhe. Im zweiten Akt ist die Natur verschwunden, die Menschen stehen nur noch im abstrakt klinischen Raum, sind ihren Emotionen ausgeliefert. In einem kurzen Soundclip zwischen Prolog und erstem Akt werden heutige Massaker von echte Quechua-Indianern bezeugt.

So arbeitet diese Inszenierung mit sparsamen, sinnfälligen Effekten. Aus „Alzira“ wird so kein Meisterwerk. Aber im Reigen der inzwischen wieder öfters gespielten Galeerenopern Verdis hat es durchaus einen eigenen, gar nicht so schlechten Platz.

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