Positive Mahler-Ekstase mit lauter negativen Mitwirkenden: die mutige Tour der Bamberger Symphoniker ist in Baden-Baden zum guten Ende gekommen

In Baden-Baden war schon mal mehr Lametta als Off-Season an einem trüben Januartag. Der Kurpark kahl und verwaist, der Badische Hof abgebrannt, der Europäische Hof Dauerbaustelle. Und auch das Frieder-Burda-Museum offeriert nur gehäkelte Korallenriffs.  Da kann man sich höchstens in die Thermen flüchten – oder eben ins Festspielhaus, wo zum ersten Mal seit dem improvisierten Corona-Silvesterkonzert mit Annette Dasch & Family Musik erklingt. Die aber laut und mit ganz vielen: Die Bamberger Symphoniker mit ihrem Chef Jakub Hrůša, Christina Landshamer, Anna Lucia Richter und die Wiener Singakademie sind nach dem Auftakt in Bamberg und ihrem triumphalen Auftritt im Wiener Konzerthaus in achteinhalb Stunden mit dem Zug 606 Kilometer nach Baden-Baden gefahren, um hier noch einmal Gustav Mahlers 2., die „Auferstehungssinfonie“ zu geben. Und am Ende, wieder ist der Applaus dankbar und langanhaltend, gab es in unter 200 Mitwirkenden in fünf Reisetagen keinen einzigen positiven Covid-Fall.

Seltsam, im Wiener Konzerthaus, obwohl erst zwei Jahre nach Mahlers Tod 1913 eröffnet, meint man ihn auf jedem Stuhl zu spüren, so passen er und seine Musik in dieses Ambiente; alles ist hier dichtgedrängt und voll. In Baden-Württemberg aber mussten von über 2000 potentiellen Besuchern erst einmal 1500 wieder ausgeladen werden. Seit Mittwoch darf aber wieder zu 50 Prozent belegt werden, also konnten man in Baden-Baden immerhin noch über 300 Karten neuerlich verkaufen. Sogar die Sponsorenpremierenfeier gibt es wieder, sie ist schon auf der Seitenbühne aufgebaut.

Und in der großen kühlen, braun-schwarzen Schuhschachtel des Festspielhauses mit ihrer klaren, weiträumigen Akustik, ist Jakub Hrůša drei Minuten schneller, seine Interpretation wirkt objektiver, geradliniger, ein wenig nüchterner. Der Chor klingt lichter, weniger dringlich, weil er viel weiter weg sitzt, auch das Orchester wurde auseinandergezogen platziert. Doch bleiben Transparenz und atmende Präzision erhalten, ja es klingt sogar sauberer, kühler. Vielleicht ist aber auch nur das Überwältigungsgefühl des ersten Mahler2-Mals nach über zwei Pandemiejahren nicht mehr ganz so überrollend intensiv.

Wieder wird unmittelbar vor dem Konzert stundenlang an den Dynamikabstimmungen mit dem Chor und den Fernbläsern des Jüngsten Gerichts gefeilt. Große Sinfonik ist eben auch Handwerk. Die Sänger können mehr Piano wagen, der Saal trägt gut, kräftesparend wird dieses Klangmonster in die richtige Spur gebracht.

Doch auch hier hat der erste Satz seine plastisch knurrige Tremolo-Vibranz mit Wagners von der Leine gelassenem Fafner. Der Andante-Ländler fließen wirklich „sehr gemächlich“, dabei harfenweich und licht. Deutlich, aber nicht überzeichnet wird die grelle Groteske der Scherzo-„Fischerpredigt“ herausgemeißelt. Anna Lucia Richter, erst seit kurzem vom Sopran zum hellen, schlanken Mezzo geswitcht, singt ihr „Urlicht“ sehr geradlinig und versonnen den Worten nachhörend. Jakub Hrůša entwickelt mit ruhigem Schlag das schließlich so gewaltig sich türmende Finale, wo jede von Mahlers immensen Steigerungsstufen pannenfrei erklommen wird.

Die Orchestermaschine tobt und rattert, tönt dabei stets kultiviert und ausgeglichen, der Chor schwingt sich vokalapotheotisch zum Saalhimmel. In Baden-Baden ballt sich das nicht, da ist immer noch Luft nach oben, die Anstrengung scheint gar keine. Und doch reißt die Klopstock-Ode mit, gehen alle Klangschleusen auf, bis zum fast verhalten gesetzten Schlussakkord. Die Katharsis wird erreicht, und wieder scheint hier unerhörte Freude mitzuschwingen, dass sie wieder möglich ist.

Die Bamberger haben also mit dieser Meisterleitung vorerst ihre Pandemie-Schuldigkeit getan. Eine Tournee, die plötzlich aus der Reiseroutine zum bangen Omikron-Abenteuer wurde, hat hingehauen, während in Würzburg das Theater ganz schließt, in Hamburg die Konzerte kürzer werden, in Berlin eine Konzertdirektion für Februar einfach alles ablöst, die Opern teilweise nur konzertant spielen und in Mecklenburg-Vorpommern die Kultur komplett geschlossen bleiben muss. Wenigstens ein paar tausend Menschen konnten sich rühren und berühren lassen von der vitalen, Kraft der Live-Musik.

Ende Februar soll dieses Mahler-Wunder noch einmal in der Elbphilharmonie zünden. Gleichzeit will bei den Berliner Philharmonikern damit Gustavo Dudamel an den Start gehen. So Corona will.

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2 Kommentare bei „Positive Mahler-Ekstase mit lauter negativen Mitwirkenden: die mutige Tour der Bamberger Symphoniker ist in Baden-Baden zum guten Ende gekommen“

  1. Josephine Roethe sagt: Antworten

    Selten so eine Kritik gelesen, die man als Leser so nachvollziehen kann .
    Das macht vielleicht Spaß.
    Danke M. Brut

  2. Leider kann ich Ihrem Beitrag nicht 100%ig zustimmen:
    Meines Erachtens war der Ländler (2. Satz) viel zu sehr am Metrum orientiert. Es fehlten hier die echt wienerischen Rubati, um den Kontrast zum 1. Satz sowie auch zu den „aufbäumenden“ Stellen im 2. Satz selbst deutlich hervorzuheben. Auch die Dynamik hätte kontrastreicher ausfallen können. Zum Vergleich höre man nur einmal Abbado mit Chicago Symphony Orchestra!
    Der 3. Satz bemühte sich auch eher um eine ausgeglichene Darstellung denn um ein kontrastreiches Gegenüberstellen.
    Daneben gab es einige Unstimmigkeiten in den Bläsern (Piccolo-Flöte und Blech), nicht immer ganz intonationsrein, auch in der Klarinette teilweise hörbar.
    Der erste Einsatz des Chors dagegen: sensationell! Der Mezzosopran ein Gedicht, der Sopran wiederum etwas blass.
    Das Dirigat von Hrusa: techisch sehr gut, aber wie bereits oben erwähnt meines Erachtens zu nüchtern und trocken. Die geht an der Intention des Werkes doch zu sehr vorbei, von „per aspera ad astra“ in solch nüchterner Umgebung zu wenig zu merken.
    Versöhnlich hingegen der letzte Satz. Hier passte wieder alles, vermutlich wurde dieser auch am meisten geprobt.
    Die standing ovations waren somit fehl am Platze.

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