Mehr als nur ein Tschaikowsky-Ersatz: Verdis „Giovanna d’Arco“ lässt bei den St. Galler Festspielen den wegen Krieg abgesetzten Russen fast vergessen

Wer Freiluftopernfestival meint, der muss auch Pferd sagen.  Denn soviel Spektakel soll schon sein. Also stapfte der Schimmel Fripond brav dem Verdi-König Karl VII. und seinem von Kindern getragenen Hermelinornat hinterher, um bei Gang an der Rampe eine schöne, lange Reihe frisch dampfender Pferdeäpfelchen fallen zu lassen. Was zur Erheiterung des sowie schon gutgelaunten Publikum […]

Liebeserklärung an das platte Land: Mit der internationalen Koproduktion „Vlaemsch (chez moi)“ verabschiedet sich Sidi Larbri Cherkaoui aus Flandern

Was für ein opulent vielschichtiges Bühnenbild auf einer Tanzfläche! Alles Grau in Grau, so wie angeblich Flandern, das von seinem berühmtesten modernden Troubadour Jacques Brel vielfach besungene „Mijn platte land mijn Vlaanderland“. Natürlich wird später auch „Marieke Marieke“ intoniert – von drei Frauen a cappella und im Renaissance-Arrangement leicht verfremdet, aber trotzdem hier, in der […]

Der Opern-König von Mallorca: Die Musikfestspiele Potsdam entdecken eine Giuseppe-Scarlatti-Buffa liebenswert neu

Egal ob Giuseppe Scarlatti (1718/23-77) nun der Enkel von Alessandro und Neffe von Domenico war – er behauptete solches –, oder ob die Herkunft auf immer so nebulös bleiben wird wie bereits sein Geburtsjahr. Opern komponieren aber konnte dieser Italo-Österreicher, der sich ab 1757 als Josef Scarlatti dauerhaft in Wien niederließ. Vor allem Buffas. So […]

Da wackelt der Garderobenständer, und sonnig scheint die Melancholie: Die Berliner Operngruppe mit zwei Einaktern von Wolf-Ferrari und Mascagni im Konzerthaus

Die aktuellen Mozart- und Wagner-Doubletten der großen, meistenteils fantasiearmen Häuser machen den wahren Berliner Opernfan mal wieder gähnen. Doch zum Glück gibt es ja die wackere Projektbrigade Berliner Operngruppe um ihren dirigierenden Spiritus rector Felix Krieger, die trotz Pandemie-Bedrängung konzertant Musiktheaterabhilfe schafft. Wenn auch jeweils nur für einen Konzertabend im Konzerthaus lang; mehr erlauben die […]

Unterhaltende Klischees für die Erstbegegnung: Die Oper Bonn exhumiert Clemens von Franckensteins Chinaparabel „Li-Tai-Pe“

Die vermutlich letzten Komponisten, die und/auch ein Opernhaus leiteten, waren Rolf Liebermann (in Hamburg, Paris und nochmals Hamburg), Udo Zimmermann (in Leipzig und Berlin, aber da komponierte er kaum noch) und Peter Ruzicka (nochmals in Hamburg). Siegfried Matthus schaffte es immerhin, sich ein brandenburgisches Miniimperium in Rheinsberg aufzubauen. Heute dürfte damit eine Einwicklung an ihr […]

Noch einmal wollen es die Alten wissen: Pina Bauschs „Sweet Mambo“ wurde in Wuppertal mit der Urbesetzung wiederaufgenommen

Im Frühling 2008 wusste noch keiner der eher gelangweilten Kritiker, die Pina Bauschs, wie immer noch namenloses, später „Sweet Mambo“ geheißenes Stück in Wuppertal zur Kenntnis nahmen, dass dies ihre vorletzte Kreation sein würde. Es folge noch „…wie das Moos auf dem Stein…“, und am 30. Juni 2009 war sie tot. In diesen Jahren war […]

Waldweben mit und ohne Worte: Wagner-Überwältigung bei den Bamberger Symphonikern mit Jakub Hruša, Jens Harzer und Alex Ross

Die Bamberger Symphoniker wollen, aus einer Stadt als Unesco-Weltkulturerbe mit 1000-jähriger Geschichte kommend, nachhaltiger und naturnäher werden. „Die Spuren, die wir als Orchester hinterlassen, sollen musikalisch wie ökologisch einen Unterschied machen und dazu beitragen, die Zukunft aktiv zu gestalten“, so schreiben sie in ihrer frisch erschienenen Saison-Broschüre, die unter dem Konzertmotto „Schöpfung“ steht. Und deshalb […]

Eine leider zu spät gekommene Ritter-Grand-Opéra: Hervé Niquet gräbt in Saint-Étienne den seit 122 Jahren nicht mehr gespielten „Lancelot“ von Victorin Joncières aus

Es ist doch immer wieder spannend, was da an französischem Opernschaffen des 19. Jahrhunderts ans Licht kommt. An der Opéra de Saint-Étienne, in einem Betonbrutalismus-Kulturhaus über den Hügeln der einstigen Bergbaustadt thronend und eigentlich sonst nur für ihre ab und an gezeigten selteneren Werke des hier geborenen Jules Massenet bekannt, hat man „Lancelot“, die letzte […]

Die Kröte ist eine Kröte: In Zürich startet Andreas Homoki mit dem von Gianandrea Noseda klangerleuchteten „Rheingold“ einen ambitionslosen „Ring“-Neuanfang

Der optische Deutungsanspruch geht hier eigentlich schon im ersten Bild flöten. Obwohl zunächst nur in völliger Dunkelheit die Kontrabässe ihr tiefes Es grummeln, bevor die Celli sich in die Wellenbewegungskurve legen. Hebt sich die Kurtine, dann dreht sich da wieder eine der herkömmlich bekannten weißen Altbausalonbühnen Christian Schmidts. Viermal das gleiche, leere, lediglich mit dezenter […]

Thierry Escaichs dritte Oper „Shirine“ in Lyon uraufgeführt: Die Inszenierung Richard Brunels offenbart mehr westöstliche Gegenwart als die Musik

Der 57-jährige Thierry Escaich ist nicht nur Organist und Hochschullehrer, sondern längst auch einer der wichtigsten französischen Komponisten der Post-Boulez-Ära. Drei Opern hat er bisher geschrieben. Nach dem 2013 an der Opéra de Lyon uraufgeführten „Claude“ kamen jetzt innerhalb von ein paar Wochen „Point-d’Orgue“, ein szenischer Einakter über sein Lieblingsinstrument, am Pariser Théâtre des Champs-Élysées […]