Ein doppelter Halevy-Triumph in Genf: Das Grand Théâtre lässt auf „La Juive“ noch das Petit four „L’éclair“ folgen

Opernarbeit an den immer teurer, für manche auch anachronistischer werdenden Palästen der Gefühle, die gleichzeitig auch Musikmaschinen, Tonfabriken und Irrenhäuser sind, das ist vor allem Pflege der Geschichte, liebevoll aufbereitetes Festhalten am Vergangenen, Kultur des Erinnerns. Wer dem ewig Gleichen, der Mühle des Repertoire-Getriebes entkommen will, wo jede Tradition allerschnellstens zur Schlamperei verkommt, der versucht […]

Liebeserklärung an das platte Land: Mit der internationalen Koproduktion „Vlaemsch (chez moi)“ verabschiedet sich Sidi Larbri Cherkaoui aus Flandern

Was für ein opulent vielschichtiges Bühnenbild auf einer Tanzfläche! Alles Grau in Grau, so wie angeblich Flandern, das von seinem berühmtesten modernden Troubadour Jacques Brel vielfach besungene „Mijn platte land mijn Vlaanderland“. Natürlich wird später auch „Marieke Marieke“ intoniert – von drei Frauen a cappella und im Renaissance-Arrangement leicht verfremdet, aber trotzdem hier, in der […]

Noble Zurückhaltung des Leidens: In Genf lösen Angelin Preljocaj und Leonardo García Alarcón Lullys „Atys“ tänzerisch traumschön auf

2011, da gab es ein besonderes Déjà-Vu in Versailles. Da war in der nobel klassizistischen in fabulösem Gold-Blau gehaltenen Opéra royal erst die tragédie lyrique „Atys“ angesetzt war und danach am Grand Canal zauberisch nächtliche Fêtes venetiennes mit gigantomanischem Feuerwerk, Masken und Gondeln zelebriert wurden. Jean-Baptiste Lullys Fünfakter von 1676, wegen seiner bis hin zum […]

Triumph einer Partitur, eines Konzepts und einer Sängerbesetzung: Ulrich Rasche inszeniert mit seiner Genfer „Elektra“ erstmals Oper

Wo laufen Sie denn hin? Nein, einen „Peter Grimes“ als Operndebüt des gehypten Theaterregisseurs Ulrich Rasche, das hätte man sich nicht so wirklich vorstellen können. Schließlich ist es dessen minimalistische Spezialität, sein Personal im Dauergehen- und rennen in dunklen, vernebelten, von Lichtschneisen durchschnittenen Kunsträumen umwabert von Bombastmusik über Rollen, Tonnen, Bänder sprinten und spazieren zu […]

Donizettis „Anna Bolena“ in Genf: Belcanto als geschmackvoll packendes Menschentheater

Ein Bühnenbild, das eher nach einer Edel-Magazin-Fotostrecke zum Thema Landadel aussieht. Grünblaue Holzwände, die sich beständig drehen, immer wieder neue Raumperspektiven öffnen oder verbergen. Rustikale Stühle, Geweihe, eine ganze Wand voll, auch mal ein monströs toter Hirsch, saftiger Wald. Kostbare Brokatbettvorhänge sind zudem im Deko-Angebot. Eine hippe Jagdgesellschaft auf der Pirsch. Die Beute ist aber […]

Pizzaschachteln in der Rokoko-Box: Calixto Bieito inszeniert in Genf Prokofiews „Krieg und Frieden“ als böse Abrechnung mit dem heutigen Russland

Ein Stück so brutal und großmäulig, so verloren und anmaßend, so propagandahohl und beziehungszart, ja, eben so ambivalent wie das 20. Jahrhundert. Das ist Sergej Prokofiews nicht nur in Deutschland äußerst selten gespieltes, sowjetpopulistisch durchwirktes und trotzdem bei den damaligen Machthabern durchgefallenes Schmerzenskind „Krieg und Frieden“. 14 Damen- und 45 teils episodische Herrenrollen sieht dieses […]

Gibt es eine neue Opernstream-Ästhetik? Eher intellektuelle Ödnis von Zürich bis Genf und Paris

Es gibt Pizza. Ist aber keine im Karton. Nur ein flacher, geschmacksneutraler Foto-Dummy. Erwischt! Das sehen wir, nun illusionslos, als die Kamera die vierte Wand durchbricht und nach Ende dieser ansonsten kreuzkonventionell abgefilmten „Orphée ed Eurydice“-Streampremiere kurz hinter die Bühne im Zürcher Opernhaus kommt, die sich beglückwünschenden Mitwirkenden, den winkenden Regisseur Christoph Marthaler und eben […]