Für gewöhnlich gilt Charles Gounods Shakespeare-Adaption „Roméo et Juliette“ von 1867 als charmanter Schmachtfetzen, den die Opernhäuser ansetzen, wenn man zwei junge, heißblütige und bitte auch berühmte Sänger an der Besetzungsangel hat. Die dürfen dann lieben und leiden, seufzen und sterben, dass es die reine Vokalfreude ist. Irgendjemand arrangiert das gefällig, und irgendwer anderes schlägt […]
Opernpremiere
„Bastarda“: Donizettis gelungener Tudor-Königinnen-„Ring“ – in Brüssel an zwei Abenden
Echte Menschen, wirkliche Konflikte, aufgelöst und zusammengehalten von der Grammatik der romantischen Italo-Oper des 19. Jahrhunderts. Gespiegelt in einer freien Annäherung an Renaissance-Optik als Herzergießungen in Cavatinenform, emotionale Ausbrüche nach Cabalettaart – und auch in den vielen, innovativen sanglichen Zwischenstufen, die der rastlos komponierende Gaetano Donizetti so nebenbei erfand. Das sind einige der Gründe, warum […]
Queer as Folk: Dmitry Sinkovsky und Calixto Bieito gelingt in Zürich eine tolle Wiederbelebung von Cavallis visionär geschlechterfluidem „Eliogabalo“
Ein römischer Kindkaiser aus Syrien in einer frühvenezianische Opera Seria. Francesco Cavalli komponierte „Eliogabalo“ 1667. Das Werk kam aber damals nie heraus, das Libretto über den mindeste bisexuellen, Frauenkleider tragenden, nach heutigen Begrifflichkeiten wohl queeren Imperator war selbst für die Freizügigkeit der Serenissima zu schlüpfrig; außerdem galt Cavallis Opernstil, immer noch ein textnahes Recitativo, bereits […]
Die Meghan Markle der Renaissance: Die Genfer Donizetti-Trilogie schreitet mit „Maria Stuarda“ hervorragend voran
Eine Primadonna macht schon einen Belcanto-Sommer. Aber gleich zwei, Königinnen noch dazu, in einer einzigen Oper, die sich wie die Katzen befauchen, gipfelnd in jenem famosen ersten Finale, wenn Maria Stuart statt für Frieden zu sorgen, Elizabeth, ihrer Rivalin um dem englischen Thron, der „unreinen Tochter der Boleyn“, verachtungsvoll „Bastarda“ entgegenschleudert – das ist ein […]
Auf hohem Niveau enttäuschend: Nicht einmal Asmik Grigorian wächst mit ihren Singdarstellerinnenkünsten in der Frankfurter „Zauberin“ über Tschaikowsky hinaus
Tschaikowskys beste Oper? Naja, er darf das glauben, aber er, der kein sonderliches Selbstwertgefühl besaß, hat auch diverse andere Fehlurteile über seine Musik verbreitet, die heute zum Glück keiner mehr ernst nimmt. Also „Die Zauberin“, ein reizvolles Werk, aber doch zu Recht nicht so populär wie „Eugen Onegin“, „Pique Dame“, „Mazeppa“ und „Iolanta“. Ab und […]
Auf der Scholle Inka-Land: Verdis rare Galeerenoper „Alzira“ kommt in Lüttich gut raus
„Proprio brutto“ – „wirklich hässlich“. Wenn das Verdikt des Urhebers schon so fies lautet, wie soll dann erst die Nachwelt über dieses Kunstprodukt urteilen? Dabei war Giuseppe Verdis achte Oper „Alzira“, die erste von zweien, die er am berühmten Teatro San Carlo in Neapel herausbrachte, 1845 gar kein echter Misserfolg. Aber viel gespielt wurde der […]
Ein doppelter Halevy-Triumph in Genf: Das Grand Théâtre lässt auf „La Juive“ noch das Petit four „L’éclair“ folgen
Opernarbeit an den immer teurer, für manche auch anachronistischer werdenden Palästen der Gefühle, die gleichzeitig auch Musikmaschinen, Tonfabriken und Irrenhäuser sind, das ist vor allem Pflege der Geschichte, liebevoll aufbereitetes Festhalten am Vergangenen, Kultur des Erinnerns. Wer dem ewig Gleichen, der Mühle des Repertoire-Getriebes entkommen will, wo jede Tradition allerschnellstens zur Schlamperei verkommt, der versucht […]
Nicht wirklich erstklassig, aber ein interessanter Propaganda-Schinken: Spontinis „Fernand Cortéz“ als Wagner-Vorbild in Dortmund
Schon interessant, da belassen es große Opernhäuser wie Hamburg, Dresden, Leipzig, Essen, Nürnberg, selbst das gern innovative Stuttgart im Hinblick auf ihre Premierenlisten mit dem Abspulen des ewig Repertoiregleichen. Immerhin bieten als Balance andere Theater wie Bonn oder Dortmund rarste Raritäten. So zeigte man am Rhein mit Rolf Liebermanns Erstling „Leonore 40/45“, Meyerbeers „Das Feldlager […]
Mehr als nur ein Tschaikowsky-Ersatz: Verdis „Giovanna d’Arco“ lässt bei den St. Galler Festspielen den wegen Krieg abgesetzten Russen fast vergessen
Wer Freiluftopernfestival meint, der muss auch Pferd sagen. Denn soviel Spektakel soll schon sein. Also stapfte der Schimmel Fripond brav dem Verdi-König Karl VII. und seinem von Kindern getragenen Hermelinornat hinterher, um bei Gang an der Rampe eine schöne, lange Reihe frisch dampfender Pferdeäpfelchen fallen zu lassen. Was zur Erheiterung des sowie schon gutgelaunten Publikum […]
Unterhaltende Klischees für die Erstbegegnung: Die Oper Bonn exhumiert Clemens von Franckensteins Chinaparabel „Li-Tai-Pe“
Die vermutlich letzten Komponisten, die und/auch ein Opernhaus leiteten, waren Rolf Liebermann (in Hamburg, Paris und nochmals Hamburg), Udo Zimmermann (in Leipzig und Berlin, aber da komponierte er kaum noch) und Peter Ruzicka (nochmals in Hamburg). Siegfried Matthus schaffte es immerhin, sich ein brandenburgisches Miniimperium in Rheinsberg aufzubauen. Heute dürfte damit eine Einwicklung an ihr […]