Die tödliche Falle der liebenden Gattin: bei den Karlsruher Händel-Festspielen gelingt ein herausragender „Hercules“

Auf immerhin drei Auftritte bringt es der griechische Halbgott Herakles im üppigen Opern- wie Oratorienschaffen Georg Friedrich Händels: Im 1727 uraufgeführten „Admeto“, darf er als basssingender, rustikal-komischer, ziemlich einfach muskelgestrickter Deus ex Machina im zweiten Akt die Königin Alceste in der Unterwelt gegen den Höllenhund Cerberus verteidigen und wieder ans Sonnenlicht geleiten. 1750 taucht er […]

Hilflose Splatterorgie im Drogenrausch: Ersan Mondtag verschießt in Kassel den „Freischütz“ aus dem Wald ins allzu bekannte Opernirrenhaus

Dreie treffen, viere äffen. Leicht „Freischütz“-abgewandelt, könnte dieses Musiktheater-Jägerlatein nicht nur für die Wolfschlucht-Kugelgießerei, sondern auch für Ersan Mondtags bisherige Opernkarriere gelten. Der hochgehypte Theaterregisseur aus Berlin hat dreimal Glück gehabt, mit Schrekers „Der Schmied von Gent“ und Weills „Der Silbersee“ zweimal an der Flämischen Oper sowie mit Rued Langgaards Mysterium „Antikrist“ an der Deutschen […]

Lustvoll lückenhafte Szenen einer Opernehe: in Frankfurt findet David Hermann überraschende Gemeinsamkeiten zwischen Schönberg und Frank Martin

Szene einer Ehe, versungen und vertan. Wie oft hat man das schon im Musiktheater gesehen? Doch wer hätte gedacht, dass sich Hugo von Hofmannsthals knittelversiges Sterben des reichen Herren namens „Jedermann“ so gut mit Arnold Schönbergs großer Sopran-Psychostudie in weiblicher Hysterie namens „Erwartung“ inhaltlich kurzschließen lassen würde? Ja, dass Frank Martins sechs Monologe, als Klavierzyklus […]

Spaß, Freiheit, Autorität und Identität: Tobias Kratzer inszeniert in Frankfurt Nielsens „Maskerade“

Deutsche mögen Dänen nicht, und Dänen wollen von Deutschen kaum was wissen. Wie sonst wäre es zu erklären, dass sich beide Länder, obwohl Nachbarn, in musikalischer Hinsicht so ignorieren? Wobei die Dänen an deutschen Klassikern und Romantikern nicht vorbeikommen, auch einige Komponisten wie Schulz, Kunzen, Weyse, Kuhlau importiert und naturalisiert haben. Doch umgekehrt ist die […]

Donizettis „Anna Bolena“ in Genf: Belcanto als geschmackvoll packendes Menschentheater

Ein Bühnenbild, das eher nach einer Edel-Magazin-Fotostrecke zum Thema Landadel aussieht. Grünblaue Holzwände, die sich beständig drehen, immer wieder neue Raumperspektiven öffnen oder verbergen. Rustikale Stühle, Geweihe, eine ganze Wand voll, auch mal ein monströs toter Hirsch, saftiger Wald. Kostbare Brokatbettvorhänge sind zudem im Deko-Angebot. Eine hippe Jagdgesellschaft auf der Pirsch. Die Beute ist aber […]

Beethoven kämpft gegen Hitler als Schießbudenfigur: Die erstaunliche Bonner Wiederentdeckung von Rolf Liebermanns Opernerstling „Leonore 40/45“

Gut gemacht, Oper Bonn! Hatte sich doch eben noch die Beethoven-Stadt mit der als Corona-verschobene Uraufführungspeinlichkeit von der Telekom promoteten Vollendung einer nur aus wenig aussagekräftigen Originalskizzenfragmenten von Computern sowie einem Schlagerkomponisten läppisch vollendeten 10. Sinfonie des Ludwig van bis auf die Kulturknochen blamiert wie prostituiert. So stand unmittelbar danach das schon seit ewigen Jahren […]

Mit Händel ins Horror-Spa, mit Cimarosa in die Quarantäne-Abstraktion: Die Oper Frankfurt startet coronakonform mit einem Raritäten-Doppel

Wie plane ich pannenfrei coronakonform? Das war für die Opernhäuser im letzten Frühjahr die Herausforderung: sicherzustellen, mit einem adaptierten Premierenplan nicht wieder von der Pandemie ausgebremst zu werden. In Amsterdam zum Beispiel wurde aus Verdis „Otello“, mit dem sich der neue Chefdirigent Lorenzo Viotti vorstellen wollte, ein kleineres gemischtes Doppel aus Haydns Paukenmesse mit Ballett […]

Vom Roman zur packend zeitgenössischen Rassismus-Oper: Kris Defoort hat in Brüssel Richard Powers‘ „The Time Of Our Singing“ vertont

Da macht die Metropolitan Opera ein Riesensache draus, dass am 27. September, der monetär so wichtigen Opening Night (nach 18 Monaten Schließzeit) erstmals in der 138-jährigen Geschichte des Hauses die Oper eines schwarzen Komponisten gespielt werden: „Fire Shut Up in My Bones“ von Terence Blanchard. Die vertonte Lebensgeschichte des schwarzen, bisexuellen „New York Times“-Kommentator und […]

Pizzaschachteln in der Rokoko-Box: Calixto Bieito inszeniert in Genf Prokofiews „Krieg und Frieden“ als böse Abrechnung mit dem heutigen Russland

Ein Stück so brutal und großmäulig, so verloren und anmaßend, so propagandahohl und beziehungszart, ja, eben so ambivalent wie das 20. Jahrhundert. Das ist Sergej Prokofiews nicht nur in Deutschland äußerst selten gespieltes, sowjetpopulistisch durchwirktes und trotzdem bei den damaligen Machthabern durchgefallenes Schmerzenskind „Krieg und Frieden“. 14 Damen- und 45 teils episodische Herrenrollen sieht dieses […]

Nicht Trash-Fisch noch Nostalgie-Fleisch: Nikolaus Habjans puppenlose Dortmunder „Tosca“

„Mit Tosca kam die Zärtlichkeit“. So wie einst für diese heute als Oma-Duft für die Frau ab Fünfzig belächelte Duftkreation aus dem von Dortmund gar nicht so weiten Kölner Parfümhause 4711 geworben wurde (auch Montserrat Caballé hielt den Flakon einmal auf Anzeigen hoch), mit einem Hauch von großer Opernwelt, der doch nur provinziell roch, mit […]